+++ DISCLAIMER: Im folgenden Beitrag geht es um Suizid, Depression und Gewalt. Wenn Du Sorgen, Depressionen oder Suizidgedanken hast, wende Dich an die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111. https://www.telefonseelsorge.de/sorgen-themen/suizidpraevention/. +++
Heute durfte ich anlässlich des 35-jährigen Jubiläums der man-o-mann Männerberatung im Historischen Saal der VHS dabei sein. Zuerst: Herzlichen Glückwunsch zu 35 Jahren verlässlicher, kluger und oft auch unbequemer Arbeit. Mit und für Männer in schwierigen Lebenslagen.
Kurz zur Geschichte: Entstanden aus der psychosozialen Beratungsarbeit des VSGB hat man-o-mann früh erkannt, dass Männer Hilfen spät und selten annehmen. Aus ersten Männergruppen wuchs eine spezialisierte Beratungsstelle: Täterarbeit bei Partnerschaftsgewalt, anonyme Telefonberatung, später auch Unterstützung für gewaltbetroffene Männer und Schutzplätze. Diese Entwicklung zeigt Haltung: Bedarfe erkennen, Angebote aufbauen, dranzubleiben.
Auch im Sozial- und Gesundheitsausschuss begegnet mir die Arbeit von man-o-mann regelmäßig. Bei Gewaltprävention, psychischer Gesundheit, geschlechtersensibler Ansprache. Diese Brücke zwischen Praxis und kommunaler Verantwortung ist wichtig: Nur gemeinsam erreichen wir Menschen frühzeitig und passgenau.
Den Schwerpunkt des Abends bildete der Vortrag von Prof. Dr. Anne Maria Möller-Leimkühler: „Depression und Suizid – Fokus Männer“. Zwei zentrale „Genderparadoxe“ standen am Anfang: Männer erhalten seltener eine Depressionsdiagnose, sterben aber etwa dreimal so häufig durch Suizid. Und obwohl Suizidraten langfristig zurückgegangen sind, bleibt dieser Abstand seit Jahrzehnten bestehen. Die Referentin machte sehr klar, warum: Depressionen bei Männern werden oft übersehen, weil Symptome anders erscheinen. Weniger „klassisch“ traurig-rückgezogen, häufiger äußerlich: Reizbarkeit, Aggression, Risikoverhalten, Substanzkonsum. Hinzu kommen Barrieren der Hilfesuche: Stigma, Selbststigma, das Ideal der „Selbstbeherrschung“ und die Angst, im Beruf an Ansehen zu verlieren. Besonders gefährdet sind Männer mittleren und höheren Alters; häufig wirken psychosoziale Faktoren (Arbeitsdruck, Trennung, finanzielle Unsicherheit) zusammen mit Depression und Alkoholmissbrauch.
Wichtig fand ich drei Botschaften:
- Gendersensible Diagnostik: Wir müssen die „männliche“ Symptomatik mitdenken, sonst fallen Betroffene durchs Raster.
- Frühe, niederschwellige Zugänge: Hausarztpraxis, Betrieb, Online-Beratung, schnelle Terminwege dort, wo Männer tatsächlich sind.
- Prävention als Gemeinschaftsaufgabe: Medizin, Sozialarbeit, Justiz, Kommune: vernetzt handeln, Risikogruppen gezielt ansprechen und Angebote entstigmatisieren.
Der Vortrag war fachlich dicht und zugleich praxisnah. Mit Fallbeispielen, die zeigen, wie leise und lange verdeckt männliche Depression verlaufen kann, und wie viel es ausmacht, wenn jemand die richtigen Fragen stellt.
Mein Fazit: man-o-mann steht für genau diese Mischung aus Expertise, Haltung und Erreichbarkeit. Danke für 35 Jahre, in denen Männern Wege zu Unterstützung, Verantwortung und Gesundheit geöfnet werden. Auf die nächsten 35. 🙂
Ein paar Links zum Thema:
Homepage man-o-mann: https://man-o-mann.de/
ARTE-Doku „Männer und Depression“: https://www.arte.tv/de/videos/120849-000-A/maenner-und-depression-das-stumme-leiden/
ARD-Doku: „Toxische Männlichkeit. Woher kommt die Wut auf Frauen?“ https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/psychologie-maennlichkeit-gewalt-kommunikation-100.html



„Geschlechtergerechte Medizin in Bielefeld – Versorgung, Forschung und Beratung für alle Lebensrealitäten
Gesundheit ist nicht geschlechtsneutral. Frauen, Männer und nicht-binäre Personen erleben Krankheiten unterschiedlich, werden unterschiedlich behandelt und stoßen auf unterschiedliche Hürden im Zugang zur Versorgung. Eine moderne Gesundheitspolitik muss diese Unterschiede anerkennen und gezielt abbauen. Bielefeld kann und soll dazu einen aktiven Beitrag leisten, durch Angebote vor Ort, durch bessere Versorgungslösungen und durch gezielte Kooperation mit Forschung und Praxis.“